Auf Zeitreise in Rumänien

Joseph arbeitet an der Turmspitze

Im Oktober hat sich unser Zimmerer-Lehrling Joseph Pechtold auf eine Zeitreise begeben. Gemeinsam mit einer Gruppe von Lehrlingen aus ganz Deutschland war er im Rahmen eines ERASMUS+ Projekts für zwei Wochen in Siebenbürgen (Rumänien). Dort arbeitete er bei der Sanierung einer alten Kirchenburg mit.

Wie ihm diese Erfahrung gefallen hat und was er während seines Aufenthalts in Rumänien erlebte, berichtet er uns in diesem Interview.

 

Joseph, du warst im Rahmen des ERASMUS+ Projekts für zwei Wochen in Martinsdorf in Siebenbürgen. Worum geht’s bei der Handwerkerschule Siebenbürgen?

Bei dem Projekt reisen Lehrlinge aus verschiedenen Gewerken gemeinsam für zwei Wochen nach Rumänien, um die Kirchenburgen, die dort sehr verbreitet sind, vor dem Verfall zu bewahren und sie gemeinsam als Gruppe zu sanieren. Das ERASMUS+ Projekt ist eine Initiative der Bauinnung München und wird vom Verein Handwerkerschule Siebenbürgen/Martinsdorf e.V. zweimal jährlich organisiert.

Unser Innungslehrer Wolfgang Weigl hat das Projekt vor rund 10 Jahren ins Leben gerufen und uns im Unterricht davon berichtet, welchen Herausforderungen man dort im Handwerk begegnet und wie anders und beschwerlich die Arbeitsbedingungen vor Ort sind. Aber auch, welchen Reiz es hat, ein Bauprojekt mal aus einer ganz anderen Perspektive anzugehen und einer Baustelle unter völlig ungewohnten Ausgangsbedingungen zu begegnen.

 

Wieso wolltest du daran teilnehmen? Wieso Siebenbürgen?

Aus verschiedenen Gründen. Erstens war ich noch nie in Rumänien und wollte gerne die Kultur des Landes erleben. Zweitens hat unser Lehrer Wolfgang Weigl so von dem Projekt geschwärmt, dass ich sehr gespannt auf diese Erfahrung war. Als dritter Grund gefiel mir, dass man in dieser Zeit sein Fachwissen aus verschiedenen Gewerken erlernen kann, denn vor Ort arbeitet man gewerkübergreifend.

Was ich bestätigen kann ist, die unglaubliche Entschleunigung, die wir in dieser ländlich abgeschiedenen und gleichzeitig wunderschönen Region von Martinsdorf erfahren haben. Man wird auf den Boden der Tatsachen geworfen, auf den Stand der Technik vor sechzig bis siebzig Jahren und muss sich auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen können. Diese zwei Wochen waren tatsächlich wie eine Zeitreise zurück in die Vergangenheit. Wir sahen zum Beispiel recht viele Kutschen fahren. Häufig sind sie noch immer das Fortbewegungsmittel der Einheimischen, denn gerade die Region um Martinsdorf ist nochmal deutlich rückständischer als der Rest des Landes. Man sieht aber auch Menschen, die dort unter sehr ärmlichen Bedingungen leben.

 

Was waren deine Aufgaben vor Ort?

Derzeit wird das Pfarrheim neben der Kirche saniert. Ein sehr altes Gebäude, das zu der Kirchenburg gehört, schätzungsweise aus dem 15. Jahrhundert. Dort haben wir das Turmdach und die Turmspitze erneuert.

Joseph bessert die Turmspitze ausIch habe an der Turmspitze mitgearbeitet und beim Gerüstabbau geholfen. Dazu muss man sagen, dass es sich bei dem Gerüst um ein ganz einfaches, selbst gebautes Holzgerüst um den Turm herum handelte. So etwas kennen wir von deutschen Baustellen gar nicht mehr. Die Arbeit an der Turmspitze war aus diesem Grund auch etwas ganz Besonderes für mich. Ich war zwar schon oft auf einem Dach, aber noch nie auf einer Turmspitze. So ein Dach ist deutlich steiler und wir mussten uns anseilen mit Helm und Gurt.

Während meiner Zeit in Martinsdorf haben wir außerdem noch eine Bodenplatte betoniert, auf der künftig eine Werkstatt entstehen soll. Als Zentrum für Workshops und Lehrlinge, aber auch für Einheimische aus der Umgebung, die hier auch in verschiedene Gewerke reinschnuppern können. Ziel des Projektes ist nämlich das gewerkeübergreifendes Arbeiten, um sich auch in anderen Gewerken weiterbilden zu können.

 

Arbeitet man bei dem Sanierungsprojekt auch im Team mit rumänischen Handwerkern?

Bei den meisten Arbeiten waren wir unter uns. Für das Betonieren der Bodenplatte wurden wir von Einheimischen unterstützt.

 

Wie haben dir die Menschen und das Land gefallen?

Sehr gut. Allzu viele Einheimische haben wir nicht kennengelernt, aber an einigen Abenden besuchten uns einige am Lagerfeuer, mit denen wir uns in Englisch und Deutsch unterhalten konnten.

Richtig gut war die einheimische Küche. Täglich wurden wir frisch bekocht von einer Rumänin aus dem Ort. Immer mit Vor- und Hauptspeise. Die Küche ist sehr fleischlastig, im Geschmack jedoch sehr viel feiner als bei uns, da es dort keine Massentierhaltung gibt, sondern das Vieh aus dem eigenen Stall stammt.

Sehr interessant war der Ausflug nach Hermannstadt (rumänisch Sibiu). Wir bekamen eine Führung durch die tolle Altstadt und lernten, dass das Handwerk dort noch ein sehr hohes Ansehen genießt. Das bezeugen prächtige Bauten vieler Zunfthäuser in der Innenstadt. Neben der Stadtbesichtigung gab es auch eine Wanderung durch die umliegende Natur. Hier konnten wir eine weitere Kirchenburg anschauen, die noch sehr gut erhalten ist und auch wunderschön restauriert wurde.

 

Wer kann an dem ERASMUS+ Projekt teilnehmen?

Jeder im dritten Lehrjahr kann teilnehmen, wenn er möchte – auch aus anderen Gewerken. In unserer Gruppe waren auch Gewerke aus Hannover, Nürnberg und Passau.

 

Würdest du anderen Lehrlingen die Teilnahme am ERASMUS+ Programm empfehlen?

Auf jeden Fall. Es ist eine einmalige Erfahrung. Man wächst aus einer Gruppe lauter verschiedener Leute zu einer tollen Gemeinschaft zusammen. Man lebt und arbeitet in einer eigenen Welt, losgelöst von Zeit und Raum. Ich finde: absolut empfehlenswert.

 

Möchtest du wieder irgendwann wieder an den Ort zurückkehren?

Unbedingt. Alleine schon durch die Nähe zu den Karpaten, die im Vergleich zu unseren Bergen noch deutlich unberührter und wilder sind. Da ich sehr gerne wandern und bergsteigen gehe, möchte ich gerne nochmal nach Rumänien zurückkehren.

Betonieren der Bodenplatte Pfarrheim Martinsdorf

Wir finden es großartig, welche soziale, handwerkliche und interkulturelle Aspekte das ERASMUS+ Programm in sich vereint und sind beeindruckt, was Joseph über seine Erlebnisse in Siebenbürgen berichtet. Wer mehr über das Projekt in Siebenbürgen erfahren will: einfach weiterlesen!

Wir haben mit Wolfgang Weigl gesprochen, Ausbilder bei der Bauinnung München und 2. Vorsitzender des Vereins Handwerkerschule e.V., die das ERASMUS+ Programm seit mehr als zehn Jahren organisiert.

 

Herr Weigl, was treibt Sie bei dem Projekt in Martinsdorf an?

Wolfgang WeiglZwei ganz grundlegende Erfahrungen, die jeder Lehrling aus meiner Sicht erleben sollte.
Das ist zum einen die Berührung mit einer völlig anderen Kultur und Lebensrealität. Für viele Jugendliche ist unser ERASMUS+ Programm der erste Auslandsaufenthalt ohne die Eltern, noch dazu in einer nicht gerade klassischen Urlaubsdestination. Insgesamt also ein starker Kontrast zum „Hotel Mama“, in dem einige Lehrlinge noch recht behütet wohnen. Die Summe der Erlebnisse, die die Lehrlinge in diesen 14 Tagen fern der Heimat machen, lässt sie an sich wachsen. Für viele ist es eine völlig neue Erfahrung, in Gruppenräumen mit bis zu zehn Mann zu schlafen, ohne W-LAN und Mobilfunkempfang auskommen und Duschwasser rationieren zu müssen. Kurzum, sie müssen sich füreinander öffnen und aufeinander Rücksicht nehmen. Für manchen ist das zu Beginn eine echte Herausforderung.

 

Und die zweite Erfahrung, die jeder Lehrling erleben sollte?

Das ist für mich ganz klar die Entschleunigung vor Ort. Die jungen Leute erfahren in dieser technisch wenig bis gar nicht gerüsteten Region aber nicht nur eine automatische Entschleunigung, sondern werden auch mit dem Thema Nachhaltigkeit konfrontiert. Baumaterial ist nicht unbegrenzt vorhanden, der nächste Baumarkt eine gute Stunde mit dem Auto entfernt. Da überlegt man sich, ob man einen krumm geschlagenen Nagel einfach wegwirft oder ihn nochmal richtet.

 

Wer kümmert sich vor Ort um den Arbeitsschutz, um die Sicherheit der Lehrlinge?

Mich begleiteten mehrere ehrenamtliche Ausbilder, die das Thema Unfallschutz und Arbeitssicherheit überwachen. Einige sind bereits im Ruhestand und geben ihr gesammeltes Fachwissen und alte Handwerkstechniken weiter, die man so nicht aus Büchern erlernen kann.

Der Unfallschutz spielt eine große Rolle, da die Kirchturmsanierung sehr anspruchsvoll und nicht gerade ungefährlich ist. Die wenigsten Lehrlinge haben sich bis dato auf einer Baustelle mit Gurt und Helm sichern müssen. Auch gibt es dort keine modernen Metallgerüste, wie wir sie kennen. Deshalb  leiten wir die Lehrlinge an, selbst Gerüstkonstruktionen aus Holz zu bauen, die sie sicher tragen.

 

Klingt nach einem sehr nachhaltig engagierten Projekt. Wer finanziert das ERASMUS+ Programm?

Wie bei allen ERASMUS+ Programmen trägt die EU die Kosten für das Projekt. Wir sind unheimlich stolz darauf, mit diesem Projekt eine Win-Win-Situation zu schaffen. Für die Region bedeutet es den Erhalt der landestypischen Kirchenburgen, für die Lehrlinge eine Erweiterung ihres Europa-Verständnisses und eine Erweiterung ihrer handwerklichen Fähigkeiten. Sie blicken in dieser Zeit weit über ihren Tellerrand hinaus und erlernen gewerkeübergreifend neue Praktiken und Fachwissen. Das ist auch ein Grund, weshalb unser Projekt schon mehrfach international mit dem Preis „Best Practice“ ausgezeichnet wurde.

 

Wer neugierig auf den Projektfortschritt In Siebenbürgen geworden ist, findet alle Infos rund um die Handwerkerschule unter www.handwerkerschule.eu

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